Zeiten der Ruhe und des Rückzugs

Hochsensibilität hat viele Gesichter und es bestehen, wie ich erfahren musste, auch viele Vorurteile und unterschiedliche Meinungen dazu.

 

Es ist keine Krankheit, vielmehr eine Stärke. Eine Stärke die hilft, mit dem Herzen zu sehen... Denn das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar (A.dS.E.). Eine Stärke die hilft, angemessen und sozial aufs Umfeld zu reagieren, eine Stärke die hilft, Langsamkeit in die heutig rasende und wohl eher ungesunde Schnelllebigkeit zu bringen. Ich glaube ohne die Feinfühligkeit hochsensibler Menschen, würde sich die Menschheit gnadenlos selbst an die Wand fahren, da wir weiterhin dem "mehr ist mehr" anstatt dem "weniger ist mehr" folgen würden. Der Wahn an Materialismus schleisst nicht nur unser Menschen Gemüt, er zerstört Natur, Lebensraum und Erholung, er zerstört Glücklichsein, er lässt nicht zu "zu sein". Er lässt nicht zu, sich selbst zu sein. Der Schaden, der damit einhergeht ist immens - langfristig immens. Denn er macht nicht glücklich, ein Leben lang nicht...

Hochsensible fordern es ohne Kompromisse ein, zu entschleunigen, da sie noch mehr Beschleunigung schlicht nicht ertragen. Hochsensible fordern es ein, die wahren Werte zu leben, da sie den Kern einer Sache und den Kern einer Person erkennen und nicht nur die Fassade davor.

Hochsensible nehmen ihre gesamte Umwelt, wie auch sich selber viel intensiver wahr. Sie nehmen die Welt über alle ihre Sinne intensiver wahr. Ihre Haut fühlt differenzierter, ihre Ohren hören klangvoller, ihre Augen sehen farbiger, ihre Zunge schmeckt gehaltvoller, ihre Nase riecht feiner und ihr 6. Sinn spürt feinstofflicher. 

15-20% der Menschen sind mit dieser charakterlichen Eigenschaft ausgestattet. Eine zu grosse Zahl, um sie nicht ernst zu nehmen. Eine kleine Bevölkerungsmasse, um die wir je länger je mehr froh sein werden. Denn ohne sie, heilen wir immer nur die Symptome unserer aller Gesellschaftsprobleme. Mit ihnen, haben wir die Chance in die Tiefe zu sehen, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren und wieder zurück auf den Boden zu kommen.  

 

Ich habe mich mit Literatur und Vorträgen zum Thema befasst. Ich habe mich mit Personen ausgetauscht, welche Masterarbeiten dazu verfassen und ich habe Erfahrung im Umgang mit hochsensiblen Kindern und Erwachsenen. Die Meinungen über die Definition "Hochsensibilität" gehen auseinander.

Hochsensibilität ist meiner Meinung nach folgendes: 

Der Mensch verfügt über sechs Sinne. Oft werden nur fünf davon aktiv genutzt. Die Organe "Augen, Ohren, Haut, Nase und Zunge" statten uns mit diesen fünf im Vordergrund stehenden Sinnen aus. Wir sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Hochsensible Menschen verfügen in all ihren Sinnen über feinere Antennen. Es gibt auch Meinungen die sagen, dass Hochsensible die Eindrücke über ihre Sinne nur weniger gut filtern können als Nichthochsensible und nicht unbedingt die Antennen die feineren sind. Ich tendiere eher dazu, dass die Antennen tatsächlich feiner sind, und vermutlich noch dazu kommt, dass auch der Filter schwächer ist. Wenn eine HochSensiblePerson (HSP) einen Raum betritt nimmt sie alles da drin vom ersten Moment an viel differenzierter wahr als eine Nicht-HSPerson. Sie hören differenzierter, sehen bunter und nehmen die Stimmung im Raum klarer wahr (über ihren 6. Sinn). In meinem persönlichen Alltag sind insbesondere die Haut, die Ohren, die Nase und der 6. Sinn sehr präsent. HSP riechen Dinge, welche andere erst bei nahem und bewusstem "Hinriechen" wahrnehmen. Eine Hochsensible Person macht es regelrecht konfus, sich in einem Raum mit hohem Lärmpegel oder sehr vielen unterschiedlichen Geräuschen aufzuhalten. Sie können sich anpassen, es aushalten, in solchen Momenten "mitmachen", wie es erwartet wird. Aber sie sind nach solchen Erlebnissen erschöpft und müssen den Raum oftmals früher verlassen, als andere es tun oder sie müssen solche Anlässe achtsamer dosieren. HSP spüren ihre Kleidung deutlicher auf der Haut als Nicht-HSPs. Hochsensible Kinder können den Gummizug ihrer Hose deutlicher spüren, jedes "Grössenzetteli", jede Naht an ihren Schuhen, jede Masche an ihrer Mütze ist präsent. All diese Eindrücke versucht natürlich auch ein Hochsensibles Kind auszublenden, denn es möchte mitmachen, dabei sein, dazu gehören. Nicht unbekannt sind den HS-Eltern die Momente, in welchen das Kind schon an seine Grenzen kommt, bevor es im Winter überhaupt das Haus verlassen hat. Beim Anziehen fängt es nämlich bereits an, die Herausforderung mit all den Wahrnehmungen der vielen Kleider auf der Haut umzugehen. Und so wird es einem HSP insbesondere in der heutigen Zeit der totalen Reizüberflutung, ganz oft, einfach zu viel. Ausraster, Wutanfälle und Tränen helfen dann, diese Überforderung wieder aus sich herauszukriegen, energetisch wieder loszuwerden. Dieses Beispiel der vielen Kleidung ist nur eines von ganz vielen. Stellen Sie sich ein hochsensibles Kind im Kindergarten oder der Schule vor. Die vielen Gerüche, die Farben, die vielen Gegenstände, die Geräusche, der Lärm, und nicht zu vergessen, all die anderen Kinder. All die anderen Kinder bringen ihre Energie mit, ihre Sorgen, Nöte, Ängste, Freuden und Erwartungen. Das hochsensible Kind kriegt von allem etwas ab. Es spürt die Stimmung des Nachbarn, die Nervosität des Gegenübers, riecht das Parfum der Lehrperson, den Lärm auf dem Pausenplatz, sieht die wütenden Augen eines Freundes, ...intensiver, als ein nichthochsensibles Kind. Ein HSK ist oft unbewusst offener für seine Umwelt und verliert sich dadurch immer wieder selbst. Nicht anders verläuft es in Menschenmengen beim Einkaufen, an grösseren Familien-Anlässen und weiteren Anlässen, bei denen sich viele Menschen auf wenig Raum befinden. Ein Konsequenzen nach sich ziehender Vorgang, wenn man gleichzeitig 6 Stunden täglich aufnahmefähig, lernbereit und immer konzentriert arbeiten sollte. Hochsensible Kinder sind nur bedingt kompatibel mit dem heutigen Schulsystem. Eltern sind mit völlig erschöpften Kindern zu Hause konfrontiert. Nervenzusammenbrüche zieren den Alltag noch junger Kinder. Es kullern Tränen über die Hausaufgaben, da einfach keine Kraft mehr da ist, nochmals fremdgesteuert Dinge zu erledigen. Ein achtjähriges Kind ist in der heutigen Zeit von morgens 6 Uhr (bei Nichthochsensibeln reicht es vielleicht aus, es erst um 7 Uhr zu wecken) bis nachmittags 16:00 Uhr fremdgesteuert (inklusive Hausaufgaben). Ähnelt dieser Zeitplan nicht schon stark einem Erwachsenen? Mit 8 Jahren einen Alltag zu haben, der einem Erwachsenen nur noch um 2h täglich weicht ist heute irgendwie eine Selbstverständlichkeit. Ich frage mich unter anderem deswegen schon lange nicht mehr, warum so viele Artikel in den Medien zum Thema "überforderte / erschöpfte Kinder mit Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Migräne ec." erscheinen. Die Schule ist keineswegs der einzige Brennpunkt in dieser Geschichte. All die Freizeitangebote (welches jedes für sich genial ist) überfluten unsere Kinder mit Verlockungen und Entscheidungsaufforderungen. Es vergeht kaum ein Woche, in der kein "Werbe-Zettel" nach Hause kommt, worauf irgend ein Freizeitangebot angepriesen wird. Das Kind und die Eltern müssen sich jedesmal zwischen "coole sinnvolle Sache" und "dem Mass an Entertainment für Kinder" entscheiden. Aus der Nachbarschaft hört man, wie viele Vereine deren Kinder besuchen, wie viele Talente schon gefordert und gefördert werden, wie "pumpenvoll" deren Kinder Terminkalender ist. Und es braucht in der heutigen Zeit des ewigen Vergleichens unserer Kinder einen starken Baum im Rücken um all diesen Angeboten zu trotzen und tief drinnen wissend den "weniger ist mehr-Weg" zu gehen und so wöchentlich anzukreuzen: "Mein Kind nimmt nicht teil". Jawohl, wir nehmen nicht teil, obwohl es eine gute Sache wäre. Aber ich bin mir sicher, die noch bessere Sache ist es, den Kindern genügend Zeit für sich selbst zu geben. Zeit in den eigenen vier Wänden, in der Natur, in der Geborgenheit der eigenen Familie zu verbringen, auch Stunden ohne Freunde und Konsum vergnügt auszuhalten und sich als Familie zusammen um etwas zu kümmern - sei dies ein Ding, ein Tier, oder noch besser um sich selbst - die Familie. 

Ob hochsensibel oder nicht - ich plädiere für eine neue Fragestellung, wobei mir grad der Metzger vor der Waage stehend in den Sinn kommt: "Darfs noch etwas mehr sein?". 

Ich bin für: "Darfs auch etwas weniger sein?"

 

Um zurück zu kommen zum Thema der Hochsensibilität. Der 6. Sinn ist bei Hochsensibeln ebenso sehr ausgeprägt. Sie spüren die feinstofflichen Dinge klarer, oder sie können diese nicht so ausblenden, wie andere. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar (Antoine de Saint-Exupéri). 

Diese Fähigkeit, im Alltag mit dem Herzen tatsächlich gut zu sehen, ist heute leider nicht mehr gefragt. Daher bleiben Hochsensible so oft unverstanden. Obwohl es doch in so vielen Fällen helfen könnte, ein Problem in der Tiefe zu erkennen, anstatt es an seinen Symptomen zu beurteilen. Hochsensible brauchen geschützte Zeitfenster, in denen sie das Aussen aussen sein lassen können, in denen sie sich nach innen orientieren und sich durch all die äusseren Eindrücke nicht selbst verlieren. Hochsensible die es in der heutigen Zeit schaffen, bei sich zu bleiben, bringen Werte in unsere Gesellschaft, von denen es heut am meisten mangelt...

 

Hochsensible Kinder brauchen achtsame und verständnisvolle Eltern; Mütter und Väter mit starkem Rücken um in authentischer, innerer Ruhe und tiefer, innerer Gewissheit den anderen Weg zu gehen. Habt den Mut anders zu sein und euch dabei wohl zu fühlen. Habt den Mut euch hinter euer Kind zu stellen und nicht allen gesellschaftlichen Erwartungen zu folgen. Seid euch selber, alle anderen gibt es schon;-).  

 

29.10.17 - Karin Schwitter

Wutausbrüche sind keine Spass-Spielchen. Sie sind der Versuch etwas Unaushaltbares loszuwerden. Unaushaltbares hat liebevolle Aufmerksamkeit verdient.